In den grauen Morgenstunden, zwischen Zweifeln und Müdigkeit finden die Lieder ihre letzte Form. Die Welt ist aus den Fugen. An den Schadstellen unserer Hoffnung suchen Melodien und Worte nach der richtigen Stelle. Lieder, getragen von sanften und bestimmten Tönen der Gitarren, Bass, Akkordeon, Bläsern, Schlagzeug und Klavier spielen in den unwiederholbaren Stunden der Konzerte zum Tanz auf. Froh, dass wir am Leben sind.
Ein Festhalten an elementaren Wahrheiten, allen ideologischen Parzellierungen zum Trotz. Das Leben feiern als Sieg gegen das Destruktive, gegen Kriege und Demagogie. Die Musik ist dabei ein treuer Gefährte. Wenzel bleibt sich treu und kümmert sich weder um Schubladen noch modische Attitüden. Sein Werk speist sich aus einer schier unerschöpflichen Quelle. In den letzten Jahren hat Wenzel mit vielen CD-Produktionen überrascht. Neue, unveröffentlichte Lieder, Vertonungen von Johannes R. Becher, Christoph Hein, Theodor Kramer, Woody Guthrie. Im Oktober 2024 veröffentlichte Wenzel seine neunundvierzigste CD: Strandgut der Zeiten mit eigenen Texten und Kompositionen.
Schwermütig, lebenstoll, subversiv, warmherzig, zynisch, feingliedrig und direkt. Dabei bleibt Wenzel Flüchtling vor den Zumutungen der Welt. Mit bittersüßer Ironie trotzt er der schweren See. Ein Liebender, der niemals halb geliebt und nie leis gespielt mit seinen Narrenschellen, einer, der mit vollen Kellen austeilt und einsteckt, ein Weiser, auf dessen Arche sich die ewigen Paare umarmen: Glück und Wut, Liebe und Zeit, Flucht und Unterschlupf, Moment und Epoche. Erster und letzter Tag.
Wenzel ist Autor, Komponist, Musiker, Sänger, Schauspieler und Regisseur. Tourneen führten ihn durch Frankreich, Österreich, Amerika, Nikaragua, Kuba und die Türkei. Wenzel stand mit Arlo Guthrie, Randy Newman, Billy Bragg, Konstantin Wecker und vielen anderen Musikern auf der Bühne. Er hat Ehrungen überstanden von der Goldenen Amiga, dem Heinrich-Heine-Preis über den Deutschen Kleinkunstpreis, der Ehrenantenne des Belgischen Rundfunks, achtmal den Preis der deutschen Schallplattenkritik und die Jahrespreise der Liederbestenliste. 2023 kam der Dokumentarfilm Wenzel – Glaubt nie, was ich singe in die Kinos.
Die Konzerte am 1. Mai sind schon lange ausgebucht. Hier eine Alternative: Nach einer Vorstellung des Stücks Eisler – lost in Hollywood (am 27. März im Theater am Rand) schrieb Wenzel an die Künstler der Compagnie Freaks und Fremde:
„Ich habe mich sehr über eure Einladung gefreut und ich habe mich auch sehr über euer Stück gefreut, es ist ein kühnes Unternehmen und ihr habt es mit großer Bravour geleistet. Faszinierend, wie ihr euch an die wirklich nicht einfachen Lieder des Hollywooder Liederbuchs herangewagt habt. Es gehört für mich neben der Winterreise und den ernsten Gesängen von Eisler zu den bedeutenden Liedzyklen in deutscher Sprache. Diese Lieder sind so knapp, so kurz und so präzise, dass sie wie ein letztes Sichäußern vor dem Schweigen zu lesen sind. Die Darsteller haben mich sehr fasziniert mit ihrer Klarheit und unprätentiösen Sprechkultur. Nicht zu vergessen ihre sängerische Leistung. Sie haben mit aller Energie versucht, sich dem Dilemma, dass sich aus Halbplayback-Darbietungen ergibt, zu widersetzen, zum Teil durch Wiederholung des gesprochenen Textes, um wieder eigenen Rhythmus ins Geschehen zu bringen. Denn es ist eine komische Sache, wenn die Maschinen unseren Rhythmus bestimmen und nicht unser Puls und unser Atem.
Die musikalischen Bearbeitungen fand ich fast alle sehr gut, sehr eigensinnig. Manchmal fehlten mir die Achtelbewegung, die bei Eisler seine Liebe zu Schubert aufzeigen.
Das nur am Rande. Ich wünsche der Produktion alles Gute und viele aufmerksame Zuschauer. Grüße an alle Beteiligten herzlich von mir. Es war mir eine Freude, Euch erleben zu dürfen.“