Theater am Rand - Foto: Rudolf Wernicke

Eintritt ist Austritt
Das „Theater am Rand“ in Zollbrücke stellt das Theater vom Kopf auf den Bauch

Versuch einer „Dichten Beschreibung“

Beispielhaft hat der amerikanische Ethnologe und Historiker Clifford Geertz den Hahnenkampf auf Bali in einer „Dichte Beschreibung“ genannten Methode untersucht. Er nahm kulturelle Praktiken in Augenschein und versuchte sie, soziologisch, ökonomisch, ästhetisch und kulturell einzuordnen. Sein Augenmerk galt den Akteuren, die er als „verstrickt in das selbstgesponnene Bedeutungsgewebe“, das Kultur ist, ansah. Wegen seiner Vielschichtigkeit scheint mir diese weiche, im Grenzgebiet von Wissenschaft und Literatur angesiedelte Methode geeignet, die Besonderheiten des originären wie originellen Projekts „Theater am Rand“ Zollbrücke von Tobias Morgenstern und Thomas Rühmann herauszuarbeiten. Für die Anleihe beim Ethnologen Geertz spricht, dass das Theater zur abendländischen Kultur gehört wie der Hahnenkampf zur balinesischen. Theater am Oderdeich mag anderseits aber auch so exotisch anmuten wie das Spektakel eines Hahnenkampfes von einem Schreibtisch in Berlin aus gesehen. Gleichfalls erlaubt der geborgte ethnologische Blick, Worte zu finden für die Gefühle der Vertrautheit wie der Fremdheit, der Ver-  und Bewunderung, die den Verfasser, der als Theaterkritiker arbeitet und dessen Vorfahren im Oderbruch siedelten, beim Besuch dieses Theaters erfassten.
Viel Glück für Morgenstern & Rühmann und danke für die Gespräche.

„Eintritt ist Austritt.
Wir muten Ihnen eine harte Entscheidung zu:
Was ist Ihnen der Abend wert?
Wieviel Zoll sind Sie bereit zu zahlen,
wenn Sie die Brücke begehen
zwischen hier oben und da unten,
zwischen Publikum und Künstlern.
Zwischen Ihrer Gegenwart und unserer Zukunft.
Die Brücke zwischen Ihrem Gewinn  und unserem Verlust.
Zwischen Tobias Morgenstern und Thomas Rühmann.
Dieser Abend ist bereits bezahlt.
Von uns beiden.
Wenn Sie einen neuen Abend erleben wollen,
dann zahlen Sie, was dieser Ihnen wert war.
Sie bestimmen den Preis.
Zahlen Sie, was wir brauchen.“
Thomas Rühmann, Schauspieler, Sommer 2002

Ankunft

Kahle Bäume, Nebelfetzen hängen im Geäst. Ist`s das Novemberwetter oder steigt die Feuchtigkeit vom Bruch auf? Herb sind die Verhältnisse im Spätherbst im Oderbruch. Keine Sonne, kein Süden, nichts, was Prospekte dem stadtflüchtigen Berliner versprechen könnten. Allenfalls ein weiter Blick.  Das Gefühl, nicht eingekeilt zu sein von Wohnmaschinenwänden. Über dieses flache Land könnte man bis tief hinein nach Polen gucken. Wenn der Nebel nicht wäre. Doch wäre der Nebel nicht, dann sähe man nur flaches Land. Kaum Straßen. Selten ein Hügel. Dreistöckige Häuser, am Rande der Ortschaften einst angelegt für die Belegschaft kleinerer Industriebetriebe, wirken wie Hochhäuser.
Es muss Menschen gefallen, hier zu leben. Ein Mann, der aussieht wie ein alter Bauer, schiebt eine Frau, die wohl seine Mutter ist, im Rollstuhl über die Straße; zum Ort hinaus und wieder zurück. Sie kann sich noch immer nicht satt sehen am Land, am Wind, der über den Acker streift, am Horizont, der heute verschwimmt im Grau des Himmels und dem Grau des Dunstes. Sucht sie nach Spuren der Morgenröte, deren Anblick nicht vergisst, wer früh die Augen aufschlug in den trocken gelegten Sümpfen?
Ein Berliner ist hergezogen, hat eine Kneipe eröffnet, zwanzig Meter vielleicht, bevor Polen beginnt. In einem Ort, der acht bis 19 Einwohner hat. Die Zahl schwankt, abhängig davon, wen man im Ort befragt. Die Zimmer der Gaststube zeigen nach Osten. Der Mann weiß, was er tat, als er hierher kam.
Auch Tobias Morgenstern, Akkordeon-Virtuose und Gründer von „L´Art de Passage“, wusste, was er tat, als er in den 80er Jahren das mittlerweile hundertjährige Haus des hiesigen Zimmermanns erwarb. Da waren die Wege kaum asphaltiert. Neben der Straße verlief noch ein Reitstreifen. Die Zeit war stehen geblieben im Oderbruch. Das Haus, das Morgenstern vom Arzt-Ehepaar Seidel, als Zweit-Unterzeichner des Gründungsaufrufes vom „Neuen Forum“ bekannt geworden, kaufte, war Zuflucht, wenn es in der Stadt zu eng wurde. Vor allem war es Tonstudio und Probenraum für „L´Art de Passage“. Und Treffpunkt für Künstler aus aller Welt.
Tonstudio und Treffpunkt ist es noch immer. Zwar wohnt Morgenstern hier offiziell allein, aber sein Sohn kommt öfter aus Berlin zu Besuch, seine jetzige Freundin wohnt ein paar Dörfer weiter; ganz allein kann man sich den freundlichen, mit Stoppelbart und kariertem Hemd sich dem Landleben anverwandt habenden Mann in diesem Haus aber nicht vorstellen. Seit Januar 1998 befindet sich im Wohnzimmer ein Theater, das für weit mehr Menschen sorgt: ca. 80 Personen pro Abend; in der Rechnungsweise notiert, die Claus Peymann am „Berliner Ensemble so stolz zu vollziehen pflegt, wären das 120%. So spreizt hier aber niemand. „Theater am Rand“ steht auf einem Holzschild über der Tür. Sonst kein Hinweis. Würde man nicht wissen von dem Etablissiment – man würde gar nicht danach suchen und fände es erst recht nicht. Aber wer hierher kommt, hat bereits von dem Theater gehört. Mundpropaganda meist. Von Freunden und Bekannten, die erst auf dem Deich spazieren waren und dann ins Wohnzimmertheater von Morgenstern & Rühmann gingen. Und sich dort Geschichten anhörten. Vom Seidenraupenhändler Herve Joncour, der wegen der Liebe viermal in den Fernen Osten reist und viermal dasselbe erlebt, was doch nicht dasselbe ist. Von John Franklin, der weiß, wie wichtig es sein kann, Pausen zu setzen. Oder über 100 Jahre Zweisamkeit, erzählt von einem Akkordeon, das durch viele Leben ging und dabei erfuhr, wie sich Polka und Tango, Cajun und Musette, Blues und Ranchera anfühlen. Augenzeugen rühmen die Geschichten, weil die Gestalten plastisch werden, weil man sie sich vorstellen kann, wie sie vom heimeligen Wohnzimmer los geschickt werden in ihre Welt, und doch auch in das urwüchsige Land vorm Oderdeich passen. Nicht zuletzt sind es Abenteuergeschichten, die Rühmann auswählt. Solche Geschichten hat man sich früher  am Kamin erzählt; im heutigen Duktus würde man sagen: hier werde die Tradition des Story-Telling aufgegriffen und fortgeführt.

Mediale Annäherung

Einige Besucher haben im Fernsehen vom „Theater am Rand“ erfahren. Von München, von Hannover aus machen sie sich auf den Weg, um ein Theater zu sehen, das kein Geld vor Beginn der Aufführung haben will. „Wir nehmen keinen Eintritt“, bestätigt Morgenstern. „Der Eintritt ist Austritt. Jeder soll nach der Vorstellung das zahlen, was er bereit ist, zu geben, was ihm die Kunst wert ist.“
Mit diesem Schachzug ist das „Theater am Rand“ ins Fernsehen gekommen. ORB und MDR waren da, auch das Erste und das Zweite. Manches große Haus hat weniger Sendeminuten aufzuweisen als dieses 2-Mann-Unternehmen. Doch Öffentlichkeitsarbeit haben Rühmann & Morgenstern nicht betrieben. Sagen sie. „Die Journalisten kommen von allein.“ Gut, das „Theater am Rand“ hat sich in die digitalen Weiten des Internets begeben (www.theateramrand.de) und ist dort – wie alles andere – randständig und zentral in einem Zug. Man gibt Programmankündigungen an die regionale Presse weiter. Auch in Berliner Blättern wird auf Veranstaltungen in Zollbrücke hingewiesen. „Wenn genug Platz ist“, erklärt Rühmann augenzwinkernd. Bei Platzmangel werde weggelassen, was zum Schluss kommt. „Z“ wie Zollbrücke eben.
Journalisten reizt am „Theater am Rand“, dass es sprichwörtlich am Rande liegt, den größtmöglichen Kontrast zu Redaktionsstuben und solipsistischen Laptop-Handy-Produktionseinheiten bildet. Das Theater ist so weit weg von jeglichem urbanen Leben und generiert doch an Spieltagen Urbanität schlechthin. Es verbindet, so imaginiert man in den fernen Städten – und bestätigt die Vorahnung flugs vor Ort -, Kultur und Natur auf wunderschöne Weise. Der Reiz der Finanzierung – erst gucken, dann zahlen und auch noch selbst die Höhe des Austritts bestimmen -  tut ein übriges. Und nicht zuletzt profitiert das Mini-Theater von Thomas Rühmanns Popularität. Nein, mit dem kleinen großen Heinz ist er nicht verwandt. Aber seit vier Jahren ist er als Dr. Heilmann einmal wöchentlich dem Fernsehpublikum in der „etwas anderen Arztserie“ (Zitat Rühmann) „In aller Freundschaft“ präsent. „IaF“ sei von professionellen Schauspielern gemacht und hebe sich daher von den Soaps mit Amateurdarstellern vorteilhaft ab. Die Serie läuft mittlerweile gut, Rühmann hat für seine Rolle im November 2002 den „brisant“-Publikumspreis erhalten. Da drängt sich die Frage auf, was jemanden, der es „geschafft hat“, der zumindest regionaler TV-Star geworden ist (soviel von dieser Sorte hat der Medienstandort Halle-Leipzig schließlich nicht aufzuweisen), immer wieder in die Abgeschiedenheit, ins nicht bezahlte Kleinsttheater-Engagement zieht.
Das interessiert die Journalisten. Rühmann ist die Fragerei danach beinahe lästig. Spielen will er, das Theater neu erfinden, die Augen der anderen zum Leuchten bringen. Dabei leuchten die seinen. Er beschreibt, wie sie „Accordion Mystery“  vor Hunderten rheinischen Weinbauern spielten. Gemeinsam waren Publikum und Künstler in Italien gewesen, in Amerika, Nord und Süd. Dann öffnete sich das Tor der Kelterhalle. Kalte Winterluft, der Anblick der schneebedeckten Hügel des Rheinlandes, der gepflasterten Gässchen der Stadt  drangen in die Halle. Jeder spürte, dass die Geschichten der armen und reichen Akkordeonisten auch hierher gehörten, auch hier hätten spielen können. Fünfzehn Minuten nach Ende der Vorstellung verharrten die Zuschauer noch auf ihrem Gestühl, klatschten, schrieen „Bravo“, schwiegen, redeten, waren ergriffen. Für solche Momente liebt Rühmann die Bühne. Nicht die der Stadttheater. Mit diesem Betrieb, Rollenverteilungen am Schwarzen Brett, hastig zusammengestückelten Produktionen, dem auf die Sphinx „Publikumsgeschmack“ fixierten Blick möchte er nichts mehr zu tun haben.  

Das Ereignis

Der größte Teil des Publikum ist nicht nach Zollbrücke gekommen, weil „Dr. Heilmann“ hier spielt. Manche wissen gar nichts von Rühmanns Brotjob. Sie strömen herbei, weil sie die Atmosphäre lieben, im Winter den Kachelofen, den Glühwein, die Schmalzstullen. Im Sommer die Freilichtbühne auf der Wiese, die Sonne, das Gras, die Bigband. Zu solchen Ereignissen stapft – neben 200-300 auswärtigen Gästen auch der Neu-Bauer vom benachbarten Ziegenhof herüber.
Zur Vorstellung der „Entdeckung der Langsamkeit“ im November 2002 ist die Bühne im Erdgeschoss des Wohnhauses bis auf den letzten Platz gefüllt. Die ca. 80 Leute flüstern, horchen, nippen am Glühwein. Manche blättern in einer Broschüre der „Bürgerinitiativen gegen die Oderbruchtrassen“. Eine vierspurige Autobahn soll Polen an den EU-Wirtschaftsraum anschließen. Soweit, so gut. Doch führt sie auf polnischer Seite mitten durch ein Naturschutzgebiet und zerteilt auf deutscher die gewachsene und einzigartige Kulturlandschaft des Oderbruchs. Rühmann und Morgenstern unterstützen die Bürgerinitiativen. Etwas Rebellisches hat sich im ehemaligen Haus der Seidels erhalten. Auf der Bühne wird ein Metronom in Gang gesetzt. Ein Mann im Norwegerpullover tritt auf und erklärt, „weil heute soviel neue Gesichter dabei sind“ das Prinzip: „Am Ausgang steht die Susanne, die Ihnen auch schon den Wein verkauft hat, mit einer Schüssel bereit. Dort hinein können Sie dann soviel geben, wie es Ihnen gefallen hat.“ Stefan, Student aus Berlin wie Susanne, organisiert mit ihr das Catering und bereitet auch sonst die Vorstellungen mit vor. Er sei jedes Mal dabei und könne sich wirklich an die Gesichter erinnern, meint Rühmann später. Bei seinem Entree fügt Stefan noch hinzu: „nach der letzten Vorstellung gaben alle Gäste einen zweistelligen Betrag.“  Man weiß jetzt, woran man ist. 14,34 DM gaben die Zuschauer im Schnitt im Jahr 2001. Für 2002 sind 10 Euro angepeilt.
Beim Herausgehen stellt Stefan das Metronom ab. „Jetzt stellt er das Metronom ab“, raunt aufgeregt eine Frauenstimme  aus dem Publikum und signalisiert damit, dass es gleich los gehe. Amüsiert schauen sich regelmäßige Theatergänger an. Solche spontanen Reaktionen erlebt man gewöhnlich nur im Kindertheater. Aber hier ist vieles anders. „Unsere Gäste sind keine geschulten Theatergänger.“, erklärt Rühmann im Vorgespräch. „Nicht geschult aus Mangel an Gelegenheit“, fügt er hinzu. Das flache Land kennt keine Theater. Das nächste ist in Schwedt, ca. 40 km entfernt, dann das „Theater des Lachens“ in Frankfurt/Oder in etwa 50km. Bad Freienwalde hat keines, Strausberg, dessen Sparkasse Kunst in Ostbrandenburg hin und wieder fördert (dieses Theater aber bislang nicht), ebenso wenig.  „In Müncheberg soll ein neues sein“, wirft jemand in die Runde, die die Äußerung weder bestätigt noch dementiert. Es gibt nicht viel Gelegenheit, sich im und für das Theaterbesuch zu „schulen“. Die Nummernschilder zeigen, dass auch Leute aus entfernteren Landkreisen den Weg hierher zu diesem Zweck nicht scheuen. Sie würden öfter unterwegs sein, gäbe es mehr Angebote, darf man vermuten.
Morgenstern und Rühmann betreten die Bühne. Sieben von insgesamt acht Scheinwerfern (der achte ist kurz vor der Vorstellung kaputt gegangen) beleuchten zwei Stühle, einen Notenständer und ein Rednerpult. Der Musiker nimmt vor dem Notenständer Platz. Noten wird er dort nicht ablegen, nur ein Textbuch. Morgenstern improvisiert zu dem, was Rühmann spricht. Das Textbuch braucht er für die Einsätze, auch, um zu wissen, wann wieder ein Song des aus der benachbarten Lausitz stammenden Liedermachers Gerhard Gundermann an der Reihe ist..
Währenddessen geht Rühmann zum Rednerpult, deponiert dort sein Textbuch. Er berichtet erst vom Romanautor Sten Nadolny und kolportiert, dass der Klagenfurt-Sieger sein Preisgeld den anwesenden Literatenkollegen gestiftete habe, damit die nicht mehr so traurig guckten. Dann sagt Rühmann noch, dass der historische John Franklin nicht so langsam wie die Kunstfigur von Nadolny gewesen sei, sich die zwei Jahrzehnte Schreibarbeit aber im Buch niedergeschlagen hätten. Rühmann beginnt nun, aus dem Roman zu lesen, nein: zu rezitieren, gestützt auf den in Blättern abgelegten Text John Franklin zu sein. Er guckt, wie Franklin guckt, wenn er einem Bild nachsinnt, das vor seinen Augen entsteht. Er fährt mit Franklin zur See, Morgensterns Akkordeon ruft  dabei das Tosen der Wasser herbei. Rühmann/Franklin erleben eine Seeschlacht, Morgenstern, inzwischen das Ländlich-Gemütliche seiner Privatexistenz verloren habend und mit seinem Akkordeon zu einem magischen Orchester verwachsen, intoniert Kommandopfiffe, Breitseiten, Schreie und stürzende Masten. Rühmann steckt als Franklin im arktischen Eis, wo er - immer auf der Suche nach der Nordwestpassage - mit seinem stoischen Gemüt seiner Besatzung das Leben rettet. Das nördliche Gegenstück zu Kap Horn ist dem langsamen, aber konsequenten Denker Franklin zur fixen Idee geworden. Am Ende hat er sie gefunden. Doch die Passage rund um Nordamerika ist nicht brauchbar, weil nicht schiffbar, weil immer vom Eise bedeckt. Ein nutzloser Sieg, bezahlt mit Krankheit und Tod. Und während Rühmann vom  erfolgreichen Scheitern des John Franklin erzählt, drängt sich der Gedanke zur DDR als nördlichem Seeweg auf. (Man wird im Oderbruch beständig an die DDR erinnert, an deren Mini-Hochhäuser, an schlechte Straßen – nur in Odernähe sorgte die nach der Flut aufgelegten Programme für glatte Asphaltdecken. In der Gaststube Zollbrücke hängt eine topografische Karte aus sozialistischem Unterricht. Ein Nachbar hat das Schild „Achtung Staatsgrenze! Betreten der Eisfläche verboten!“ aufgehoben. Und noch im Verschwinden artikuliert sich die DDR: Das Land wird feuchter, weil die Äcker nicht mehr so umfassend abgepumpt werden wie noch vor dreizehn Jahren.) Rückblickend scheint diese DDR so sinnlos wie eine nicht schiffbare Passage; gleichzeitig evozieren sowohl das Finden eines unnützen Seewegs als auch der real gescheiterte Entwurf einer gerechten Gesellschaft einen melancholischen Trotz.
Am Ende spielt Morgenstern wieder ein Lied des Baggerführers Gundermann. Rühmann singt die Zeilen über den langsamen John. Man kann sich vorstellen, was einen Mann, der im Lausitzer Tagebau ein Großgerät bewegte, der einen Handgriff nach dem andern tat, sich dabei in die Erde einfraß und doch nur an deren Oberfläche kratzte, gefunden haben muss an einem Helden, der lange schweigt und erst etwas sagt, wenn er es verstanden hat. Gundermann, der Liedermacher, konnte Popularität gewinnen, weil Gundermann, der Baggerführer, nach anderem Zeitmaß lebte als die, die dachten, überholen zu können ohne erst einholen zu müssen; der auch nach anderem Takt lebte, als die, deren Glück darin besteht, bei jeder Modewelle die ersten, bei jeder Geschäftsidee die schnellsten zu sein. Für jene, die da nicht mehr hinterher kamen, hinterher kommen wollten, sang Gundermann aus dem Herzen. Und singt jetzt Rühmann.
In Vortrag und Gesang verknüpft der Schauspieler Bodenständigkeit, das Unzeitgemäße des Landlebens mit der kindlich scheinenden Perspektive des Helden. John Franklin erscheint als ein Bruder von Forrest Gump, mit Makeln behaftet für die Umgebung. Doch diesem seinem Charakter treu bleibend erweist er sich als erfolgreicher als alle anderen, als Igel unter den Hasen. Sich Zeit lassen und da sein - ein Motiv, das durchaus bezeichnend ist auch für das „Theater am Rand“.

Die Entstehung des Theaters

Begonnen hat alles mit einem Misserfolg. Rühmann & Morgenstern hatten einen szenischen Abend nach E. Annie Proulx` 600-Seiten-Roman „Das grüne Akkordeon“ erarbeitet. Doch der Verlag, vermutlich eine Filmverwertung im Sinn habend und wegen der Dramatisierung des Textes durch Rühmann solche Pläne in Gefahr wähnend, verweigerten die Rechte. Wenigstens einmal wollten die beiden das Stück aufführen und luden Freunde und Bekannte am 31, Januar 1998 zum privaten Vorspiel nach Zollbrücke.  Im Wohnzimmer (ca. 4x10 Meter groß) befand sich ein Portal – wie geschaffen zur Trennung von Bühnen- und Zuschauerraum. Der Abend wurde ein Erfolg. Jeder Besucher gab danach, „was ihm dieser Abend wert war“. Mehr Freunde und Bekannte wollten an dem Erlebnis teilhaben. Inzwischen hatte eine amerikanische Rechtsanwältin den Künstlern in Randlage beim Schweizer Verlag die Rechte erstritten. Die Vorstellungen wurden öffentlich. Erst kamen fünf, dann sieben, dann 20, dann 33 Zuschauer. Der Raum wurde zu klein für die Nachfrage. Das Wohnzimmer wurde um 90 Grad gedreht, eine Wand durchbrochen, eine andere geschlossen, erste Podeste in den Raum gebaut. 50 Leute passten jetzt hinein. Mittlerweile stand „Die Entdeckung der Langsamkeit“ im Repertoire. Morgenstern gab mit dem Pianisten Stefan Kling Tango-Abende. Auch der neugewonnene Platz reichte nicht aus. Eine weitere Wand wird weggerissen. Hinten neue Podeste aufgetürmt. Selbst wenn es ganz eng wird, sieht man gut von jedem Platz aus. Der aktuelle Raum bietet nun Platz für 80 Zuschauer – und gerät erneut an seine Kapazitätsgrenzen. Manchmal mussten schon Gäste weggeschickt werden. Oder Rühmann & Morgenstern absolvierten noch eine Zusatzveranstaltung. Sie treffen Entscheidungen aus dem Bauch heraus, ohne einen Apparat in Bewegung setzen zu müssen. Das Theater ist so klein, dass „Intendant Morgenstern“ und „Oberspielleiter“ Rühmann (bei nächster Gelegenheit sagen sie, die Funktionsaufteilung sei genau umgekehrt) alles in der Hand halten können. Sie werden nicht getrieben von einer Infrastruktur, die unterhalten werden möchte und nach Gästen schreit. Rühmann & Morgenstern lassen sich Zeit mit ihrem Theater. „Seide“, die Geschichte der Phantasmen & Erlebnisse des Seidenraupenhändlers Joncour, verwoben mit Liedern von Rio Reiser, entstand in drei Wochen Probezeit, aber nach vierjähriger „gedanklicher Vorarbeit“ (Rühmann). Das Theater wächst mit seiner Akzeptanz, mit dem Zustrom an Publikum. Wenn eine kritische Masse erreicht ist, denken die Macher an Veränderung. Das ist das genaue Gegenbild zu Phantasieprojekten, die - am grünen Tisch entworfen und auf die grüne Wiese gesetzt – sich zu schieren Geldvernichtungsmaschinen entwickeln. Morgenstern & Rühmann haben nur ihr eigenes Geld, das, was ihnen die Zuschauer geben (und bislang, obwohl sie es beantragt hatten, keine öffentlichen Zuschüsse). Bei diesem Geld überlegt man fünfmal, wofür man es einsetzt.

Die Pläne

Ohne Pläne kommt der Hausbesitzer Morgenstern aber nicht aus. Viele Blätter hat er bedeckt mit Zeichnungen eines Theaterneubaus. Ans Haus anschließen sollte er sich, einen halbrunden Bühnenraum haben und Garderoben. Dann sollte das Theater wieder einzeln stehen. Mittlerweile kristallisiert sich etwas Einfacheres heraus: eine hölzerne Freilichtbühne. In einer Richtung bietet sie allein den Künstlern Schutz vor der Witterung, in der Querrichtung bietet sie ein Dach auch für die Zuschauer und noch einmal um 90 Grad gedreht bietet sie sich als Beobachtungspunkt für die Bespielung des Hofes an. Man sieht, auch das Einfache ist hier vielschichtig. Morgenstern stellt sich sogar vor, wie im Winter erwärmte Luft zwischen den Bohlen nach oben steigt und die Zuschauer einhüllt, die ihrerseits mit den Augen den weiten Horizont des Landes ausmessen und dem Bühnengeschehen folgen können.

Ausblick

Lässt sich das „Theater am Rand“ als Modell auch woanders applizieren? Morgenstern & Rühmann verneinen. Das Projekt ist einmalig, hat mit dem Charakter der Beteiligten zu tun. Sicherlich ist es ein Glücksfall, dass beide Künstler mit dem Theater nicht ihr Brot verdienen müssen. Rühmann hat seine Drehtermine, Morgenstern ist als Musiker, Arrangeur und Produzent gefragt. Er hat mit Bettina Wegner gespielt, mit Gerhard Schöne, Reinhard Mey und Gisela May, Veronika Fischer und Hans-Eckardt Wenzel, ist mit Mikis Theodorakis aufgetreten und (in der Inszenierung „Picasso“) mit Johann Kresniks Tanzensemble an der Volksbühne. Morgenstern & Rühmann können also für das Theater leben; sie müssen sich nicht von ihm ernähren.
Doch lernen lässt sich immer etwas. Die Freude, die unbändige Lust am Spiel. Etwas erzählen zu wollen, erst sich gegenseitig, danach auch anderen. Sicherlich hilft eine Besonderheit wie die Art der Bezahlung,  um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Auch Rühmanns Bekanntheit ist keineswegs schädlich. Doch immer wieder ist die Freude der Macher am eigenen Tun, die dieses Projekt erst möglich macht. Dann werden andere angesteckt, etwa die Beleuchtungsfirma Adam, die dem „Theater am Rand“ einen Rundhorizont für „Seide“ hinstellte und als Gegenleistung Ausschnitte aus der Inszenierung zu sehen begehrte.
Solche Partner sind lebenswichtig für solch ein Projekt. Dem „Theaterboom“ stehen auch die Nachbarn aufgeschlossen gegenüber. Der Bauer, den man nach dem Weg fragt, spricht von „unserem Theater“. Für die Autos der Besucher legte die Gemeinde einen Parkplatz an. Die vier „Institutionen“ in Zollbrücke ziehen ohnehin an einem Strang. Ein Theatergänger ist potentieller Deichmuseumsbesucher, Mittagsgast und Ziegenkäsekäufer. Auch die Pensionen der Gegend profitieren von den Gästen, die nach der Vorstellung nicht nach Berlin oder Hannover durch fahren wollen. Ein Netzwerk der Gegenseitigkeit beginnt sich zu weben.
Gegenwärtig stehen Morgenstern und Rühmann an einem Scheideweg. Wieviel mehr an Infrastruktur, wie viel mehr an „Apparat“ (zur Zeit eine Person im Büro, zwei für Veranstaltungsorganisation und Catering) verträgt der kleine Betrieb, ohne starr zu werden, ohne dass das Organisatorische das Künstlerische dominiert. Wie lange kann der exotische Reiz, kurz vor dem Oderdeich ein Theater zu betreiben, noch wirken?  Wie oft noch vermag Thomas Rühmann wochenends zu Vorstellungen aus Leipzig anreisen?  Wie lange „erträgt“  Tobias Morgenstern das Gewimmel fremder Menschen in seiner Wohnstube? Wie prägen die Leute, die stärker ins Theater eingebunden werden, das selbige?
Diese Fragen wird die Zukunft beantworten. Prognostizieren lässt sich schon jetzt: Solange Morgenstern & Rühmann motiviert sind, Theater dieser Art zu machen, so lange wird die Erfolgsgeschichte des „Theater am Rand“ andauern. Das ist die notwendige und zugleich hinreichende Bedingung.

Tom Mustroph, 2003